
Vertrocknete Lindenblüten schwimmen auf der Oberfläche und bilden ein dekoratives Muster. Mächtige Baumkronen und vorbeiziehende Wolken treiben ein Schattenspiel, blaugrüne Farbtöne vermischen sich.
Ohne die Bildunterschrift wäre es gar nicht so einfach zu erkennen, was dieses Bild eigentlich zeigt: Es ist der Blick in einen Brunnen, den wir hier sehen. Für ihre Serie der «Wasserzeitlosen» fotografiert Letizia Enderli das Wasser in immer demselben Brunnentrog zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, so wie sie es vorfindet: mit dem Herbstlaub, mit den Blüten des Lindenbaums, mit den sich darin spiegelnden Wolken und Ästen oder den sich darin brechenden Sonnenstrahlen. Es ist der alte Dorfbrunnen von Hermikon bei Dübendorf, den die Künstlerin immer wieder aufsucht. Sie blickt tief ins Wasser und entdeckt auf und unter der stillen Oberfläche eine reichhaltige Welt. Es sind Momentaufnahmen, die das zufällig Vorgefundene in eine Komposition von zeitloser Poesie verwandeln.


Enderli arbeitet oft mit vorgefundenem Material und schöpft aus dem, was die Natur an Formen hergibt. In einer frühen Werkserie sammelte sie Steine, Holzstücke und Federn am Wegesrand, die sie skulpturalen Bündeln schnürte. Später arbeitete sie mit Textilien und liess sich von der Tradition der ghanaischen und anatolischen Webkunst inspirieren. Um die Jahrhundertwende wandte sie sich schliesslich der Fotografie zu. Dort verfolgt sie zwei Langzeitprojekte, von denen eines die oben beschriebenen Brunnenbilder sind, die in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind. Das andere ist die Serie der Teebilder. Dazu fotografiert sie Teeblätter in Glaskrügen aus starker Nah- und Untersicht. Das erzeugt Bilder einer (Unter-)Wasserwelt voll spezieller Gewächse.
Beide Serien drehen sich um das Element Wasser. Letizia Enderli nutzt die Transparenz und Durchsichtigkeit des Elements. Durch die Wahl ungewohnter Blickwinkel und Bildausschnitte, verwandelt sie den an sich unscheinbaren Gegenstand in eine Bildwelt mit eigener Aura.
Quellen:
Letizia Enderli. Spuren. Hrsg. von Andrin Schütz. Zürich: Seidel & Schütz, 2022.
www.letiziaenderli.ch
